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INTERVIEW MIT OM C. PARKIN, FRÜHJAHR 2005

Quelle: Auszug aus: advaitaJournal Vol. 12 , Frühjahr/Sommer 2005, Seite 12ff., zu beziehen im Online-Shop unter www.advaitamedia.com

F: OM, was ist Autorität?

OM: Autorität ist führungsgebende männliche Präsenz, eine wesenhafte Qualität der Seele in der männlichen Ausdrucksform.

F: Gesellschaftlich sprechen wir von Patriarchat.

OM: Ja, dieser Begriff beschreibt die natürliche gesellschaftliche Führung durch männliche Autorität. Doch was menschliche Kulturen in der Geschichte meist als Patriarchat erlebten, war keine liebevolle männliche Führung, sondern gewalttätige Unterdrückung der Andersdenkenden, der Schwachen, Männer wie Frauen, und Kinder sowieso. Dieses falsche Patriarchat ist jedoch keine Herrschaft der Männer, oder des Männlichen. Nur eine veräußerlichte, oberflächliche Sicht gelangt zu diesem groben Mißverständnis. Vielmehr ist es Ausdruck einer kollektiven Besetzung der männlichen Urkraft durch einen entarteten denkenden Geist, der sich von seinem eigenen Ursprung getrennt hat und sich seiner nicht mehr gewahr ist. Dieser Geist bedient sich sowohl des Männlichen wie auch des Weiblichen, besetzt diese ursprünglichen Kräfte, verzerrt und polarisiert sie. Die Historie erzählt von dieser immer gleichen Spaltung: Männer als Täter und Unterdrücker auf der einen Seite, und Opfer und Unterdrückte auf der anderen Seite, das sind meist die Frauen und auch die Kinder. In Wahrheit übt der Geist durch Frauen nicht weniger Gewalt aus, als durch Männer. Durch Frauen ist sie lediglich im Außen weniger sichtbar, weil sie stärker nach innen gerichtet ist. Führungsgebende männliche Präsenz jedoch folgt nicht der Absicht menschlicher Unterdrückung. Im Gegenteil: Sie gibt den Rückhalt für menschliche Entfaltung.

F: In welchem Zustand befindet sich das Patriarchat in der modernen westlichen Gesellschaft?

OM: Wir leben schon lange nicht mehr in einer Gesellschaftsform, die ich mit dem Begriff "Patriarchat" bezeichnen würde. Wahrscheinlich wäre "Plutokratie" angemessener, eine Staatsform, in der weder die männlichen, noch die weiblichen Kräfte herrschen, sondern die Macht des Geldes. Das bedeutet, die Macht der Autorität ist kollektiv nicht mehr in biologischer (bios griech. Leben) Hand, weder in der Hand des Männlichen, noch in der Hand des Weiblichen, sie ist abgegeben an das Reich des Unbeseelten, an ein Totenreich. Der Mammon herrscht über die Seele. In Europa und besonders in Deutschland kann man den Zweiten Weltkrieg als eine letzte, pervertierte Aufwallung des Patriarchats betrachten. Seit dieser Zeit entfaltet sich ein Autoritätsvakuum. In Deutschland werden seine Wirkungen erst heute spürbar, weil es überdeckt wurde durch das Wirtschaftswunder, das der katastrophalen Zerstörung folgte, die der Krieg allerorten hinterlassen hatte. Es gibt den Versuch einer Kompensation dieses Mangels durch Scheinautoritäten und gleichzeitig einen zunehmenden Nicht-Respekt von Autorität im Allgemeinen. Parallel dazu entwickelt jeder Mensch, der in diesem Vakuum aufwächst, eine starke Sehnsucht nach wahrer Führung. Menschen sind innerlich orientierungslos und versuchen an vielen Orten etwas zu erhaschen. Die Welt dreht sich immer schneller. Die zunehmende Schnelligkeit ist ein Ausdruck von Flüchtigkeit, und Flüchtigkeit bedeutet Flucht. Es ist auch ein Ausdruck zunehmender Gier, nach immer mehr Information, nach höher, schneller, weiter ... und die Gier wiederum ist ein Ausdruck eines immer größer werdenden inneren Loches, das danach verlangt, ständig gefüllt zu werden. Das Führungsvakuum dieser Gesellschaft ist nicht politischer oder wirtschaftlicher Natur, es ist spiritueller Natur. Wahre Autorität entspringt der Weisheit und die ist in einer Gesellschaft, in der so wenige Menschen sich auf dem inneren Weg befinden, selten anzutreffen. Es gibt viele "kluge Köpfe", aber keine Weisheit. In Deutschland sind nur noch die sogenannten "5 Wirtschaftsweisen" übriggeblieben, das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

F: Wie kann ein Mensch unterscheiden zwischen Scheinautoritäten und wirklicher Autorität?

OM: Die meisten Menschen können diese Unterscheidung nicht treffen, weil sie innen den Verstand, der "Ich" sagt, zu ihrer Autorität gewählt haben, der sie folgen - und der ist selbst eine Scheinautorität. Wie sollte eine Scheinautorität zwischen wahrer Autorität und Scheinautorität unterscheiden? Nur ein kontemplativer Mensch mit fühlender Intelligenz ist dazu in der Lage.

Jede persönliche Autorität, jede Autorität eines Ichs ist eine Schein-Autorität. Das Ich gibt sich beständig selbst Autorität. Ein sich selbst nicht kennendes Ich erhebt den Anspruch, die Führungskraft Gottes in Besitz zu nehmen. Das nennt man Ignoranz. Persönliche Autorität ist imitierte Autorität. Wahre Autorität ist frei von der Inbesitznahme durch Ansprüche eines persönlichen Ichs. Sie ist unpersönlich, auch wenn sie durch die persönliche Form eines Menschen emergieren kann. So könnte man zum Beispiel Wahrheit als die höchste Autorität bezeichnen. Aber für den Verstand ist Wahrheit nur ein Wort.

F: Einerseits verlangt der Westen also nach der Autorität des spirituellen Lehrers, andererseits steht ein Lehrer hier aber immer auch unter Verdacht. Warum ist das so?

OM: Daß der Begriff "Guru" in unserer Gesellschaft schon zu einem Schimpfwort verkommen ist, und nur noch als solches verwendet wird, zeigt, in welcher spirituellen Ignoranz diese Gesellschaft lebt. Guru heißt eigentlich: Vertreiber der Dunkelheit, Vertreiber der Unwissenheit. In der westlichen Welt, insbesondere in Deutschland wird jede Form auftretender spiritueller Autorität erst mal pauschal und undifferenziert mit Zweifeln und diffusem Mißtrauen belegt. Sie steht sozusagen von vorneherein unter Verdacht und muß erst einmal beweisen, daß sie unschuldig ist. Angesehene und seriöse Zeitschriften, die eigentlich einen intelligenten Anspruch haben, wie zum Beispiel "Der Spiegel", regredieren in ein frühkindliches emotionales Stadium, wenn sie sich mit Spiritualität, oder mit spirituellen Lehren befassen. Für den unbedarften Geist ist das alles "Esoterik". In jeder säkularisierten Gesellschaft, die die spirituelle Dimension abgespalten hat, wird alles Spirituelle folglich zunächst als fremd und bedrohlich erlebt. Besonders die deutsche Geschichte scheint zudem genügend Beweise dafür zu liefern, wie gefährlich jede Form von "Führung" sein kann. Zweifel sind also berechtigt. Das Problem liegt in der Undifferenziertheit, in der das Unterscheidungsvermögen verloren geht. Unter spirituellen Lehrern gibt es nicht mehr Scharlatane, als unter Politikern, oder Wirtschaftslenkern.

F: Im Osten herrschen andere Verhältnisse. Dort sind spirituelle Lehrer gesellschaftlich integriert und hoch angesehen.

OM: Östliche Gesellschaften sind sich ihrer spirituellen Wurzeln bewußter und nicht so stark der Verweltlichung verfallen. Der Buddhismus erkennt in den "drei Juwelen des inneren Weges" - Buddha, Dharma, Sangha - den spirituellen Lehrer (Buddha) als eine tragende Säule. Auch im hinduistischen Indien durchdringt die spirituelle Tradition das gesamte Kollektiv wie eine Matrix, wie ein unsichtbares Gewebe. Besonders in Indien wird gleichzeitig auch die große Schattenseite der Verehrung spiritueller Autoritäten sichtbar, nämlich die blinde, ungeprüfte Anhängerschaft. Bequemlichkeit spielt dabei eine große Rolle. Blindes Vertrauen hat den inneren Weg verlassen, somit auch den wahren Lehrer.

F: Du sagtest: "Zweifel sind berechtigt." Was ist, wenn Du in diesem Moment nicht die Wahrheit sagst? Wenn Du nur erleuchtet tust?

OM: Ja, wer kann unterscheiden? Sicherlich nicht der Zweifel. Der Zweifel ist ein begrenztes Heilmittel gegen die Leichtgläubigkeit, aber er ist nicht das eigentliche Prüfinstrument. Es geht um Prüfung - und Prüfung kann nur im stillen Herzen geschehen. Zweifel kann Wahrheit nicht von Unwahrheit unterscheiden. Nur das stille Herz ist dazu in der Lage.

Der westliche Geist wird von einer Angstvorstellung beherrscht, die in Ländern östlicher Religion und Kultur unvergleichbar entspannter ist: Sich einer fremden Autorität nicht nur unterwerfen zu müssen, sondern ihr zu verfallen und von ihr auf einen falschen Pfad geführt zu werden. Die hohe paranoide Ladung dieser Zwangsvorstellung im westlich konditionierten Geist sagt viel aus über die hier vorherrschende Lehre von Selbstbehauptung des Ich, die es dann "freien" Willen nennt.

F: Braucht der Mensch auf dem Weg überhaupt einen spirituellen Lehrer?

OM: Was heißt: Braucht der Mensch einen Lehrer? Jeder hat schon einen. Nein, schlimmer noch: Er hat zwei. "Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust", spricht Goethes Faust. Dieser Tatsache gilt es, zunächst einmal ins Auge zu schauen. Ob jemand an Gott glaubt, ob er sich für einen Atheisten hält, ob er einen spirituellen Weg geht, oder reiner Materialist ist, ob er es ablehnt, einen Lehrer zu haben, oder nicht, all das spielt überhaupt keine Rolle. Ausnahmslos jeder Mensch hat bereits (mindestens) einen Lehrer, dem er mehr oder weniger blind folgt. Die Frage lautet nicht: Braucht der Mensch auf dem Weg einen Lehrer?, sondern: Welchen braucht er?
 

 Auszug aus: advaitaJournal Vol. 12 , Frühjahr/Sommer 2005, Seite 12ff.

 


advaitaJournal Vol. 12
Die Suche nach der verlorenen Autorität

Magazin, 84 Seiten, advaitaMedia 2005

Die Beiträge dieser Ausgabe verdeutlichen in ganz verschiedener Ausdrucksgestalt das Thema 'Innere und Äußere Autorität". Mit dem Verlust der inneren Autorität des Menschen beginnt unbewusst die Suche nach ihr im Außen. Bei uns im Westen ist dieses menschliche Seelenbedürfnis nach kompetenter geistiger Führung nach Jahrhunderten traumatischer Erfahrungen durchsetzt mit Skepsis und Angst. Und dennoch nimmt die Zahl der Suchenden im 21. Jahrhundert, die durch eine ebenso wachsende Zahl von Lehrern und Seminarleitern bedient werden, stetig an.

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