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Der Riss in der Zeit

INTERVIEW MIT OM C. PARKIN

Quelle: Auszug aus: advaitaJournal Vol. 4 , Frühjahr/Sommer 2001, Seite 58ff., zu beziehen über advaitaMedia GmbH (order@advaitamedia.com oder www.advaitamedia.com)

 

Frage: Seitdem ich dich kennen gelernt habe, bin ich das erste Mal wirklich mit Stille in Kontakt gekommen, und mir fällt immer mehr auf, wie gehetzt und getrieben ich mein ganzes Leben lang gewesen bin. Diese innere Unruhe und Getriebenheit sind immer noch da und ich sehe sie, aber ich erkenne nicht, was mich da so ruhelos macht.

OM: Nun, es gibt immer zwei Möglichkeiten, entweder du willst irgendwohin oder du willst von irgendwas weg.

F: Genau das!

OM: Und diese beiden Möglichkeiten sind das, was ein normaler Mensch als sein Leben bezeichnet. Entweder er will irgendwohin oder er will von irgendetwas weg oder beides. Das ist, was wir im Normalfall unser Leben nennen. Von irgendwas weg und irgendwohin. Es kostet Kraft, von irgendwas wegzukommen. Von was wollen wir weg? Nun, wir wollen weg von dem, was wir die Vergangenheit nennen. Und wir wollen hin, wo wir die Zukunft vermuten. All unsere unerfüllten Wünsche sind es, die die Zukunft ausmachen, das Leiden, die Enttäuschung, die Last, die Schuld, die Kindheit. All das sind nur verschiedene Begriffe für das, was unser Leiden der Vergangenheit ausmacht. Und davon wollen wir weg. Es ist die Idee dieses Geistes, der, - ohne es wirklich begriffen zu haben - meint, die Schwere des Leidens liege in der Vergangenheit und die Erfüllung, die Leichtigkeit der Phantasie der Erfüllung unserer Wünsche liege in der Zukunft. So bewegen wir uns auf dieser Achse. Immer weg von dem, was uns hält oder zu halten scheint, aber was wir doch nicht ganz abschütteln können. Es scheint wie ein Schatten zu sein, den wir zu überspringen versuchen. Und das scheint niemandem wirklich zu gelingen. Es spielt keine Rolle, was in dem begraben liegt, was du Vergangenheit nennst. Es spielt in letzter Instanz von dem absoluten Verständnis des Leidens aus betrachtet überhaupt keine Rolle, welche Erinnerungen in deiner Vergangenheit gespeichert sind: Alles, was festgehalten ist, was unterdrückt ist, was nicht gehen gelassen wird, ist eine Last. Vergangenheit ist immer Last. Und in der Zukunft, zu der du schnellstmöglich, irgendwie gehetzt, hinwillst und die alles enthält, was du glaubst, noch erreichen zu können oder zu müssen, alles, was du glaubst, wiedergutmachen zu müssen oder zu können - in dieser Zukunft liegt das Versprechen der Erlösung, das Versprechen von Leichtigkeit, die Erlösung von dem, was du in der Vergangenheit als Vergangenheit festhältst. Und so bewegt sich der Geist auf dieser Achse. Wo hältst du an? Wo in dieser endlosen Flucht einerseits und diesem endlosen Streben andererseits hältst du inne? Wo hältst du an? Satsang ist Anhalten. Anhalten ist, wenn du einen Moment bereit bist für das, was ich den Riss nenne, den Riss in der Zeit, im Anhalten dieses Momentes zu erkennen und dann in diesen Riss hineinzufallen. Ein normaler Mensch erkennt den Riss nicht, er weiß nichts von einem Riss in der Zeit. Er lebt in der Zeit, er lebt in Zeit und Raum, und weiß nichts von einem Riss, aber dieser Riss ist der Riss im Denken, und der Riss im Denken ist gleichzeitig der Fall in die Stille. Jenseits von Zeit und Raum, nicht mit einem einzigen Gedanken zu erfassen. Wo bist du jetzt?

Dieser Riss kann nur erkannt werden, wenn du bereit bist, alles so zu lassen, wie es ist. Wir versuchen ja immer wieder in die Erinnerung hineinzugehen, weil wir nicht im Frieden mit ihr sind. Wir versuchen immer wieder, irgendetwas zu verändern, so als könnten wir einen Film, der bereits gedreht worden ist, im Nachhinein manipulieren. Aber dieser Film ist gedreht worden, genauso, wie er gedreht worden ist. Und es ist vollkommen gleichgültig, was du davon hältst. Entscheidend ist die Möglichkeit, diesen Riss zu sehen in diesem Moment, und dieser Riss ist in jedem Moment. Es ist der Ausstieg aus diesem horizontalen Denken in Raum und Zeit. Und das ist der ganz natürliche Eintritt in Meditation. Diese Meditation ist nicht abhängig von Übungen, nicht abhängig von irgendwelchen Praktiken. Sie geschieht einfach in dieser Bereitschaft anzuhalten, einfach anzuhalten. In welcher Trance, in welchem Gehetztsein du dich auch immer befindest, halte an, und dann halte inne. Ja, das ist ein schöner Begriff: innehalten, wirklich halten, anhalten und gleichzeitig beginnt der Fall nach innen. Und das ist es eben, was uns niemand gelehrt hat. Erziehung, Schule, alles lehrt nur und ausschließlich das horizontale Denken, und das Fühlen wird einbezogen in dieses horizontale Denken. Und so sind wir eingetaucht in die Welt des denkenden Geistes, und dort versuchen wir unser Glück in Vergangenheit und Zukunft und Gegenwart und finden es nicht. Wir finden es einfach nicht. Niemand hat uns beigebracht, was es heißt, einfach anzuhalten und zu fallen. Und dann geschieht es - und das ist die Schwierigkeit für die meisten - , dass mit diesem Anhalten und diesem Moment, wo du die Oberfläche verlässt, sehr viel hochkommt. Es kommt all das hoch, was in diesem horizontalen Denken unterdrückt worden ist, und dann bedarf es deines Vertrauens und deiner Präsenz, damit zu sein und weiterhin innezuhalten und nicht die erstbeste Möglichkeit zu nutzen und wieder mitzuspielen in diesem Film, der gedreht worden ist und immer noch gedreht wird, solange er genügend Schauspieler zur Verfügung hat. Ich meine, wenn es niemanden mehr gibt, der mitspielt, gibt es keine Notwendigkeit mehr für diesen Film, der gedreht wird. Ein geistiger Film, bestehend aus Ideen und Gefühlen und Bildern - zusammengehalten von Schlaf. Das ist dieser Film, von dem ich spreche. Zusammengehalten von Schlaf und Unbewusstheit, Ignoranz, Nichthinsehenwollen. Es ist paradox, dass es ein Film ist, indem du zwar mitspielst, aber gleichzeitig nicht genau sehen willst, um was für einen Film es sich handelt. Und so nimmt der Film seinen Lauf und das Leiden nimmt ebenso seinen Lauf, die Unterdrückung nimmt ihren Lauf, das Gehetztsein nimmt seinen Lauf, die Flucht nimmt ihren Lauf. Und das ist das Leben, aber nicht das wirkliche Leben. Das wirkliche Leben, das Leben, was in Stille ist und dennoch sehr bewegt sein kann, ist kein Leben aus dem denkenden Geist. Es ist kein Leben eines denkenden Ichs, was glaubt: Das ist mein Leben - mein Leben besteht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das ist es nicht, das ist nicht das wirkliche Leben. Das Leben, das aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, das ist der denkende Geist, das, was leider alle Menschen mit dem Leben verwechseln. Mein Leben: Ich war klein, bin größer geworden, und bald sterbe ich. Das ist der Geist, das falsche Leben, das begrenzte Leben, das Leiden, ein Leben in Ideen: ich und meine Welt, ich und meine Beziehungen. Ein Leben des Strebens nach Glück und Freiheit, ein Leben des Kampfes um Befreiung. Aber das ist nicht das wirkliche Leben. Das ist Denken, aber nicht Leben. Das wirkliche Leben öffnet sich erst für diejenigen, die den Mut haben, diesen Riss wahrzunehmen und dann in diesen Riss hineinzufallen.

... weiter geht es im advaitaJournal Vol. 4, Seite 61, zu bestellen bei www.spirituelle-buchhandlung.de

Auszug aus: advaitaJournal Vol. 4 , Frühjahr/Sommer 2001, Seite 58ff.

 


advaitaJournal Vol. 04
East meets West – West meets East

Magazin, 78 Seiten, advaitaMedia 2001

Dieser Band ist erschienen anlässlich des Retreats mit OM C. Parkin in Indien Anfang des Jahres 2001 und ebenso passend zu seinem Retreat Anfang 2013 ist diese Ausgabe. Verschiedene Aspekte der Antworten auf die Frage: "Wie begegnen sich Ost und West auf der Suche nach Wahrheit?" leiten durch dieses Heft. Die unterscheidlichen Annäherungen von C. G. Jung und Hermann Hesse mit östlicher Philosophie und Spiritualität, die Geschichte und der Werdegang von Jiddu Krishnamurti werden in diesem Heft eingehend behandelt. Highlight ist die zwanzig Seiten umfassende Annäherung an den Advaita-Lehrer Hariwansh Lal Poonja (1910-1997), Poonjaji oder liebevoll Papaji genannt.

Zum Heft auf www.spirituelle-buchhandlung.de >

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