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Eine integrale Entwicklung des Menschen

Über innere Kinder und erwachsenes Menschsein

Seit den 90er Jahren ist das Konzept des sogenannten „inneren Kindes“ ein wichtiges Handwerkszeug in der psychotherapeutischen Arbeit. Seitdem ist eine Vielzahl von Fachbüchern erschienen, die sich allesamt mit der Heilung dieses „inneren Kindes“ befassen, denn dieses „innere Kind“ beherbergt offenbar zum Einen in vielen Menschen Ängste, Kränkungen, Verletzungen bis hin zu schweren Traumatisierungen, die nach Heilung verlangen und zum Anderen scheint das „innere Kind“ für den rationalen und zugleich veräußerlichten Menschen schwer zugänglich zu sein, weil es seiner Natur nach vorrational ist und dementsprechend rational nur begrenzt fassbar ist. Zudem scheint es sich vorzugsweise an einem inneren Tiefenort aufzuhalten, der Unterbewusstsein genannt wird und nicht an der bewußten Oberfläche. „Der Mensch denkt, das Unterbewusstsein lenkt“, ist eine Maxime, die für den gewöhnlichen, erwachsenen Menschen eine generelle Gültigkeit besitzt, und ich spreche nicht von psychisch kranken Menschen. Jahrzehnte der Inneren Arbeit mit vielen Schülern der inneren Schule haben aufgezeigt, daß dieses sogenannte „innere Kind“ mit der beobachteten Gegebenheit in Zusammenhang steht, daß die allermeisten Menschen zwar körperlich ausreifen, aber innerlich nicht über eine emotionale Kindlichkeit hinauswachsen.

Als Kind hielt ich die ausgewachsenen Körper für die Erwachsenen. Als 20jähriger dachte ich, es müssten die mindestens 30jährigen sein, als 30jähriger meinte ich, es müssten die mindestens 40jährigen sein. Doch dann dämmerte es mir, daß es „die Erwachsenen“, so wie die kindlichen Augen sie gesehen hatten, gar nicht gibt. Diese Erfahrung erinnert an den Scheinriesen in der bekannten Kindergeschichte über den Lokomotivführer Jim Knopf: Erst wenn man ihm näher kommt, schrumpft er in sich zusammen. Der Scheinriese ist ein perfektes Sinnbild für den Pseudoerwachsenen, wie er die Welt bevölkert, ja sogar gesellschaftlich verantwortliche Aufgaben in Politik und Wirtschaft besetzt. Das ganze Ausmaß dieser allerorten zu beobachtenden Infantilität ist erst durch die Digitalisierung überdeutlich in die öffentliche Sichtbarkeit getreten. Soziale Medien und das Internet bieten ein nie dagewesenes Sprachrohr und die perfekte virtuelle Spielkulisse für eine von frühkindlichen Emotionen aufgeladene Urteilsbildung.

Die Arbeit mit dem „inneren Kind“ der Menschen machte im Laufe der Jahre eine Wandlung, eine Verlagerung in der Gewichtung durch: Ging es zunächst fast ausschließlich um die Heilung von Traumata, sowie um das Erkennen kindlich-tyrannischer Emotionalität, welche Handlungen der Menschen steuerte, so gelangte das innere Reifungspotential ins erwachsene Menschsein zunehmend ins Zentrum der inneren Arbeit. Eingebettet in das evolutionsphilosophische Konzept der integralen Menschwerdung stellte sich in der inneren Arbeit die einfache, zentrale Frage:

Wie kann ein Mensch des inneren Weges zum wahrhaft erwachsenen Menschen reifen?

Die großen spirituellen Lehren der Menschheit – und ich spreche von den inneren Lehren, nicht von exoterischen Religionen, die auf Glauben beruhen – nennen 2 große Ziele des Weges: 1. Die Erlangung von Einheitsbewusstsein (nennen wir es hier der Einfachheit halber einmal so) 2. Die Erlangung des Zustandes wahrhaft erwachsenen Menschseins.

Auf der Suche nach Antworten muss der innere Forscher den begrenzten Rahmen psychotherapeutischer Auslegung des „inneren Kindes“ wieder verlassen und weiter gehen, indem er das Konzept des „inneren Kindes“ hinterfragt. Er tut das, nachdem in diesem „inneren Kind“ Öffnungen und Heilungen geschehen sind. Ich benutze die Metapher der Krücken, auch Gehhilfen genannt: Man muß wissen, wie lange sie dienlich sind und wann sie abgelegt werden müssen, weil sie zur Gehbehinderung geworden sind.

Ohne Frage deutet dieses Konzept des verletzten „inneren Kindes“ auf einen schwerwiegenden, bewusstseinsverengenden Vorgang in der geistigen Welt hin, der auch in der spirituellen Lehre, welche der inneren Befreiung und Transformation menschlichen Bewusstseins dient, von erheblicher Bedeutung ist. Vor allen Dingen auch deshalb, weil er nicht einzelne Individuen betrifft, sondern vielmehr ganze Kollektive durchsetzt. Es stellt die große Ausnahme dar, einem Menschen begegnen zu können, der jenseits dieses geistigen Vorgangs lebt. Ganz gleich, in welcher Gesellschaftsschicht, oder in welcher Kultur. Dieser Vorgang wird sowohl in der Psychologie, als auch in der Evolutionsphilosophie als Regression bezeichnet. Regression ist das Gegenteil von Progression, was übersetzt Fortschritt bedeutet. Während also in den veräußerlichten Bereichen des Lebens, der „äußeren Welt“ das Mantra des Fortschritts gebetsmühlenartig wiederholt, ja geradezu beschworen wird (z.B. in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft), findet verborgen im Inneren der Menschen, in der „inneren Welt“ in erheblichem Ausmaße das genaue Gegenteil statt, nämlich Rückschritt. (Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang vermutet.) Dieser Tatsache, daß sich selbst gebildete Menschen nicht nur weiterentwickeln, sondern zeitgleich auch zurück entwickeln, gilt es ins Auge zu sehen. Ernsthaft interessieren dürfte diese innere Widersprüchlichkeit jedoch nur Menschen, die in der bewußten Erlangung des Zustandes „erwachsenen Menschseins“ einen Wert für innere Harmonie und Seelenfrieden erkennen und dafür die Unannehmlichkeiten eines ernstzunehmenden inneren Weges in Kauf nehmen. Denn es sind diese Menschen, die Intelligenz in einen Forschergeist investieren, der tatsächlich realitätsverändernde Antworten auf sich aufdrängende Fragen finden kann: Wer ist dieses „innere Kind“ und warum bewege ich mich immer wieder dorthin zurück?

Natürlich kann es nicht die Aufgabe dieses kurzen Artikels sein, die Antworten der Weisheitslehre, insbesondere der Evolutionsphilosophie umfassend und kontextuell darzustellen, denn das würde wahrscheinlich den Umfang eines ganzen Buches einnehmen. Doch es gibt auch einfache Antworten, die jedem Selbsterforschenden umgehend einleuchten. Einen solchen Antwortspfad möchte ich am Ende dieses Textes einleiten und den Leser dieses Textes ermutigen, ihn weiter, innerlich fragend zu beschreiten:

In der Segnung der Kinder heißt es beispielsweise im Matthäusevangelium: „Jesus sprach: Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelsreich.“(19;14) Die rechte Deutung dieses Jesuswortes erinnert uns an die Unschuld der Kinder und die Notwendigkeit für den inneren, nach Seelenfrieden suchenden Menschen, den Kontakt mit dieser Unschuld des Herzens wiederzufinden. Und tatsächlich ordne ich die Tugend der Unschuld dem Archetyp des Jungen zu. (Archetyp des Mädchens: Freude) Hätten viele Menschen den Zugang zu dieser Unschuld nicht geistig verschüttet, würde der Menschheit vieles an innerer und äußerer Gewaltausübung erspart bleiben, ein erheblicher Teil kriegerischer Handlungen gegen Menschen, gegen die Natur (die, scheinbar eine Manifestation der Erwachsenenwelt, allesamt vom sogenannten „inneren Kind“ im Menschen ausgehen) wäre überflüssig.

Die verlorene Unschuld der (pseudo-)erwachsenen Menschen, sie kann in diesem Zusammenhang also als eine Folge davon verstanden werden, daß während seiner Entwicklung, während seiner Progression, der innere Faden riss, der den kindlich-unschuldigen Zustand mit der Perspektive des erwachsenen Menschseins verbindet. Mit anderen Worten: Es fand keine integrierte Entwicklung statt. Dieses Versäumnis, der Unbewusstheit eines unwissenden Entwicklungsweges des äußeren Menschen geschuldet, kann auf dem inneren Weg durch einen bewußten Rückschritt, die bewußte Regression, nachgeholt werden. Dieser Vorgang der bewußten Regression beschreibt ein heilsames Geschehen für die Seele des westlichen Menschen, ein Geschehen innerer Rückbindung, welches weit über die Integration kindlicher Unschuld hinausgeht. (Rück-bindung ist auch eine direkte Übersetzung von Re-ligion) Halten wir fest: Es existiert in den inneren Lehren eine Anweisung und Anleitung zu bewußter Regression, die u.a. inneres Kind und inneren Erwachsenen miteinander vereint und so einen ganzheitlichen Menschen entstehen lässt. Diesem ganzheitlichen Menschen steht in der gegenwärtigen Perspektive sowohl kindliche Tugend (beispielsweise Unschuld, Spielfreude, Unbekümmertheit), als auch erwachsene Reife zur Verfügung und es scheint eben diese Integration zu sein, die einen Menschen wahrhaft erwachsen werden lässt und die zugleich dem Seelenfrieden dient. Es existiert also tatsächlich im Bewusstsein des Menschen ein Aspekt der Seele, den wir als „freies inneres Kind“ bezeichnen können. Paradoxerweise bezeichne ich einen wahrhaft erwachsenen Menschen also als einen Menschen, in dem Kind und Erwachsener bewußt in der Gegenwart vereint sind. Doch ist dieses Kind, von dem in dieser inneren Vereinigung im JETZT die Rede ist, dasselbe Kind, wie jenes „innere Kind“, welches zuvor als ein verborgener Ort der Verletzung, des Mangels und des Traumas bezeichnet wurde? Jener innere Ort, an dem nicht einzelne Menschen leiden, sondern die Masse der Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildungsgrad? Regression ist die Umschreibung eines unbewußten, d.h. unfreiwilligen inneren Besuches der Vergangenheit, einer rückwärtsgewandten Zeitreise. Da es so scheint, als würde diese Zeitreise latent und ständig geschehen, bildet sie einen Großteil des Normalzustandes durchschnittlicher Menschen ab. In den Lehren des Enneagramms der Charakterfixierung  beschreibt der Ennea-Typ 9* Zusammenhänge grundlegender Ich-Entwicklung des Menschen. Genauer: die Zusammenhänge grundlegender Ich-Nichtentwicklung. Diese Tendenz der Nichtentwicklung wird als fundamentaler Unwille gezeichnet, der sich der Entwicklung, dem voranschreitenden Werdeprozess widersetzt. Dieser Unwille ist eingebettet in die Leidenschaft von Bequemlichkeit (deren Leitsatz lautet: „Ich will, daß alles so bleibt, wie es war.“) und die Bequemlichkeit wiederum ist eingebettet in den Schlaf der Selbstvergessenheit. Dieses Geschehen, welches auch als ein unbewußter Versuch verstanden werden kann, die Zeit (also die Vergänglichkeit) anzuhalten, fixiert Vergangenheit im Bewusstsein, sodaß die Menschen über den gegenwärtigen Moment (welcher beständig überlagert wird), nichts wissen. Die Fixierung des sogenannten inneren Kindes ist also eigentlich nicht mehr, als eine Spur der Erinnerung, es ist festgehaltene, eingefrorene Zeit, welche mit der Gegenwärtigkeit des Augenblicks, mit menschlicher Präsenz nichts zu tun hat. Die integrale Lehre  lehrt den integralen Entfaltungsweg des Menschen in Gegenwärtigkeit. Ein Weg, der durch die universellen Stufen des Bewusstseins  führt, ohne daß je eine dieser Stufen fixiert wird, denn auf diesem integralen Weg transformiert sich jede Bewusstseinsstufe in die nächsthöhere. Ganz von selbst. So etwas, wie ein begrenztes, „inneres Kind“ entsteht dabei nicht, denn das Vergangene wandelt sich beständig in das Neue. So bleibt nichts als die Frische des gegenwärtigen Augenblicks.

 

Kommentar: Dieser Artikel ist in einer leicht gekürzten Fassung in der Zeitschrift Visionen im Dezember 2021 unter dem Titel „Integrale Entwicklung – Innere Kinder und erwachsenes Menschsein“ erschienen.

 

 

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